Flüchtlingshilfe in Griechenland

vom Verein Respekt für Griechenland e.V. durch Entsendung von Freiwilligen Berichte aus Lesbos und Athen

Zur aktuellen Situation auf Lesbos

Anja Schneider, Projektleiterin von »Volunteers for Lesvos«, Foto: Ralf Henning, Januar 2016

August 2017, Anja Schneider, Projektleiterin:

In den Medien ist Lesbos kaum noch präsent, obwohl sich die Situation dort zusehends verschlechtert. Nach wie vor leben mehrere tausend Schutzsuchende auf der Insel, 2000-3000 allein in dem berühmt/berüchtigten Camp Moria. Dazu sind in den letzten Wochen wieder mehr Menschen angekommen, 948 waren es nach den offiziellen Zahlen des UNHCR allein im Juli – so viele wie lange nicht.
Gleichzeitig wurde die medizinische, psychosoziale und juristische Betreuung durch finanzielle Kürzungen weiter eingeschränkt, obwohl es grundsätzlich an Ärzt*innen, Psycholog*innen, Übersetzer*innen und Anwält*innen fehlt. Die Geflüchteten warten teilweise Monate auf ihre Anhörung. Es gibt keine reguläre Rechtsberatung, die die Ankommenden über ihre Rechte oder den Verlauf des Asylverfahrens aufklären würde. Die wenigen NGOs und Anwält*innen, die Beratung und Vorbereitung auf das Asylverfahren anbieten, sind überlastet.

Viele der Schutzsuchenden leben in Angst vor einer Abschiebung in die Türkei. Aus Verzweiflung gibt es immer wieder gewaltsame Auseinandersetzungen.

Wie berechtigt diese Angst ist, zeigen die zunehmenden (und oft willkürlichen) Verhaftungen und (widerrechtlichen) Abschiebungen. Der Tiefpunkt war Ende Juni erreicht, als Proteste mit massiver Polizeigewalt niedergeschlagen und Geflüchtete unter dem Vorwand, daran beteiligt gewesen zu sein, nachts aus ihren Unterkünften heraus verhaftet wurden. Viele von ihnen wurden in Gefängnisse auf anderen Inseln oder dem Festland gebracht, darunter auch Personen, bei denen durch Zeugen offensichtlich nachgewiesen werden konnte, dass sie zur Zeit der Proteste nicht vor Ort gewesen waren.

Mehr Hintergrundinformationen dazu finden sich in einem Artikel, den Matt, ein freischaffender, britischer Journalist, Ende Juni für den Blog von Volunteers for Lesvos  geschrieben hat (Matt gehört seit Ende Mai zum Team und wird bis Mitte September bleiben.) https://volunteersforlesvos.wordpress.com/aktuelles/

Dort ist auch ein kurzes Video verlinkt, das u.a. die Situation auf Lesbos in der letzten Juniwoche zeigt.

Matts Artikel thematisiert u.a. den Hungerstreik des iranischen Menschenrechts-Aktivisten Arash Hampay, der, wie auch sein Bruder Amir, jahrelang im Gefängnis saß und gefoltert wurde. Während Arashs Antrag auf Asyl zugelassen wurde, wurde der seines Bruders abgelehnt, obwohl Arashs und Amirs Schicksale nahezu identisch sind und die beiden Brüder gemeinsam auf Lesbos ankamen. Es folgten die Inhaftierung Amirs und der Versuch, ihn illegal in die Türkei zurückzuführen, obwohl bereits festgestellt worden war, dass die Türkei für ihn kein sicheres Herkunftsland ist.

Ausführlich über die Hintergründe des Hungerstreikes berichtet folgender Artikel:  https://ffm-online.org/2017/07/07/die-folgen-des-eu-tuerkei-abkommens/  (Die Autorin war bereits mehrmals auf Lesbos und wird von September bis voraussichtlich Anfang November zum Team gehören. Einer der Schwerpunkte ihrer Arbeit wird die Beobachtung der Abschiebungen sein.)

Die erzwungene Rückführung Amirs konnte im letzten Moment verhindert werden, doch der Hungerstreik geht weiter.
Um zu verhindern, dass die Polizei den friedlichen Protest zerschlägt oder die Hungerstreikenden verhaftet, waren und sind unabhängige Beobachter vor Ort (darunter auch Volunteers for Lesvos).

Unser Team bemüht sich, das Geschehen zu dokumentieren, den Kontakt zu den zwecks Abschiebung Inhaftierten zu halten und Rechtsanwält*innen zu vermitteln.

Weitere Aufgaben des Teams sind z.Zt. Schichten am Strand oder – in Kooperation mit No Border – die Versorgung derjenigen, die aus Angst vor Verhaftung oder den Unruhen aus Moria in leerstehende Häuser o.ä. geflüchtet sind.

All das läuft neben Unterricht und Workshops in weiteren Camps und in den unabhängigen Social-Centern – also der Arbeit, die so etwas wie normale Lebensbedingungen schaffen und (wenn auch eingeschränkt) eine Perspektive bieten will. Das ist gut und sehr wichtig, ein kleiner Lichtblick in all der Hoffnungslosigkeit. Gerade die unabhängigen Social- und Support-Center leisten hier, unterstützt von Freiwilligen und Geflüchteten aus aller Welt, einen essentiellen Beitrag. Bilder und Berichte darüber scheinen aber teilweise den Eindruck zu erwecken, die auf Lesbos Gestrandeten seien privilegiert und rundum versorgt. Leider ist das ein schiefes Bild. So erstrebenswert es auch wäre, die Situation auf Lesbos ist weit davon entfernt, dem zu entsprechen; die Arbeit dort ist also nach wie vor nötig und sehr sinnvoll.

Informationen zur Entstehung des Projekts „Volunteers for Lesvos“, zur bisherigen Arbeit sowie zu den Teilnahmebedingungen sind dem Projektbericht „Volunteers for Lesvos“, Stand September 2017, zu entnehmen.

 

 

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