Flüchtlingshilfe in Griechenland

vom Verein Respekt für Griechenland e.V. durch Entsendung von Freiwilligen Berichte aus Lesbos und Athen

Nora schreibt aus Lesvos

[Flüchtlingsbootlandung, Südküste Lesbos, 09.02.2016. Nora rechts mit weißgestreifter Weste, Foto: Ralf Henning]

Nora ist eine Gebärdendolmetscherin und Rettungsschwimmerin aus Nordrhein-Westfalen. Seit Februar 2016 war sie jeweils über einen längeren Zeitraum bei der Anlandung von Booten an der Südküste von Lesbos tätig und koordinierte die nächtlichen Einsätze von Freiwilligen verschiedener Rettungsteams. Seit Dezember 2016 ist sie zudem die Koordinatorin des Teams „Volunteers for Lesvos“ vor Ort.

Nora führt in das Projekt „Volunteers for Lesvos“ ein (7. Juli 2017):

Die Initiative Respekt für Griechenland (RfG) ermöglicht durch das Projekt Volunteers for Lesvos freiwilligen Helfern, die Geflüchteten und Einheimischen auf Lesvos zu unterstützen. RfG tut dies mit Kontakten, Zuschüssen zu den benötigten Flug- und Lebenshaltungs-kosten und vor allem durch den Rückhalt eines starken Teams vor Ort. Die dringend benötigten Helfer werden nach Persönlichkeit und Profil ausgesucht und nicht nach dem Füllstand des Geldbeutels. Die NGOs und Initiativen, mit denen Volunteers for Lesvos  auf der Insel zusammenarbeiten, sind verlässliche Partner.

RfG verfolgt das Ziel, nicht nur zu helfen, sondern solidarisch zu sein. Solidarisch mit den Geflüchteten, aber auch mit Griechenland, das wie Italien mit der Bewältigung der sogenannten „Refugee Crisis“ von der EU allein gelassen wird. Die Freiwilligen, die nach ihrer Arbeit auf Lesvos z.B. nach Deutschland zurückkehren, sind wichtige Augenzeugen für die weitgehend aus den Medien verschwunden Zustände in den Camps und auf der Insel insgesamt. Somit leistet RfG seit 2015 auch einen wichtigen Beitrag zur politischen Bildung und Kommunikation. Für mich persönlich war es eine große Hilfe, sofort Ansprechpartner und eine Unterkunft vor Ort zu haben, als ich Anfang 2016 zum ersten Mal auf Lesvos angekommen bin.

Damals war es schwierig, sich im Jungle der NGOs zurechtfinden. Inzwischen hat sich der Jungle gelichtet, viele große NGOs haben die Insel verlassen, die Geflüchteten allerdings sind noch da und brauchen umso mehr die Unterstützung kleiner NGOs und Projekte.

Auszüge aus einem Bericht von Nora (Februar/März 2016):
(der vollständige Text findet sich auf dem Blog https://volunteersforlesvos.wordpress.com)

Flüchtlingsbootlandung, Südküste Lesbos, Februar 2016, Foto: Ralf Henning

Ich bin völlig überfordert. Damit habe ich nicht gerechnet. Nicht jetzt. Nicht am ersten Tag. Ja – da ist ein Boot und im nächsten Moment sieht man auch die Helfer, die bereit stehen, Rettungsschwimmer im Wasser. Ich glaube es sind sechs. Drei auf jeder Seite. Einige Menschen bilden einen Korridor an der Stelle, wo das Boot vermutlich anlanden wird.

Ich sehe nur Rettungswesten. Wie viele Menschen sind das? Ich schätze 30, lerne aber später, dass die Kinder in der Mitte auf dem Boden sitzen und man sie nicht sehen kann. Das Boot ist fast da. Man kann die Leute schreien hören, die Kinder weinen.

Die Rettungsschwimmer bedeuten den Menschen im Boot, den Motor auszustellen. Irgendwie schaffen sie es und es ist eine traumhafte Landung. Ganz sanft. {…) Endlich klettern die ersten Menschen von Bord. Ich stehe neben den Helfern und weiß nicht, was ich tun soll. Irgendwie wird es aber dann doch klar. Leute stützen, wenn sie den Hang herauf müssen, schauen, ob die Füße nass sind. Es gibt Kisten mit trockenen Socken und Schuhen, die sich scheinbar aus dem Nichts heraus materialisiert haben.{…}

Der Ort, von dem aus die Einsätze am Strand koordiniert werden, heißt „Campfire“. Der Name ist Programm. Es gibt ein Lagerfeuer. Etwas verloren stehe ich anfangs herum, bis ich eine Einheimische treffe, die sich hier um Alle kümmert.{…} Am nächsten Tag ist Koordinations-Meeting und ich frage sie, ob ich ihr helfen kann. Ja! Nach einer gemeinsamen Schicht wechseln wir uns ab.

Nora am „Campfire“, Lesbos, Anfang 2016

Ab jetzt bin ich jede Nacht hier. Mal sind es zehn Boote, maß dreißig, mal kommt keines an. Während ich schreibe, sitze ich im Auto. Es regnet und stürmt. {….) Alle halbe Stunde springe ich aus dem Auto und lege neues Holz auf unser Feuer. Es wärmt uns und den ankommenden, meist triefnassen Menschen, dient es als Orientierungshilfe für die Boote. Mir ist kalt. Ich kann und will mir nicht vorstellen, wie es dort draußen sein muss. {…}

Wenn ich nicht am Strand bin, oder in der No Border Kitchen helfe, wenn ich nicht verzweifelt versuche, einen Anwalt für unseren iranischen Freund zu finden, bastle ich an einem Info-Flyer. „How to welcome a Refugee Boat?“ Ein Freund als Deutschland hilft mir und das Ding ist am Ende richtig gut. Beim Meeting sind alle nicht nur einverstanden, sondern begeistert. {…}

Dann eine Nach mit vielen Booten. Die ersten Arrivals sind o.k. soweit, doch dann hören wir von einem Boot in Schwierigkeiten- noch ewig weit draußen.{…} Sie schicken Sprachnachrichten. Ich kann kein Arabisch, aber es klingt schrecklich. Ich hoffe so sehr, dass die Menschen einfach nur schreckliche Angst haben, es aber doch noch irgendwie gut gehen wird. Irgendwann sind sie nah genug und eines unserer Rettungsboote kann zu ihnen. Die Dinger sind winzig. Sie können nichts weiter tun, als den Weg zu sicheren Anlandestellen zu zeigen. Sie informieren uns, dass einer stirbt. Es ist immer noch ein guter Kilometer. Ich schicke alle Teams los. Zum Glück tauchen die Ärzte auf, kurz bevor das Boot ankommt. Sie begreifen den Ernst der Lage erst, als ich sie anschreie.{…} Das Boot ist da. Alle Menschen sind inzwischen am Strand. Zwei Menschen werden reanimiert. Ein Mann kommt kurz wieder zu sich, stirbt dann aber auf dem Weg ins Krankenhaus. Der andere stirbt noch am Strand. Seine Kinder stehen daneben. {…}Die Helfer, die bei dem Boot mit den zwei Toten waren, sind fertig. Einer weint, einige starren nur auf das Wasser. Wir hätten nicht mehr tun können. Die jungen Männer wurden erdrückt und ihre Herzen haben aufgegeben.

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