Flüchtlingshilfe in Griechenland

vom Verein Respekt für Griechenland e.V. durch Entsendung von Freiwilligen Berichte aus Lesbos und Athen

Marie´s Erfahrungen im Hostel WELCommon

Marie studiert Soziale Arbeit in Berlin. Anfang 2017 machte sie zwei Monate lang ein  Praktikum im Model Hostel WELCommon.

Marie schreibt:

Mein Aufenthalt im Hostel Welcommon

Anfang des Jahres 2017 hielt ich mich für zwei Monate in Athen auf, um im Welcommon Center, im Zentrum der Nachbarschaft Exarchia, mitzuwirken. Ich bin Studentin der Sozialen Arbeit an der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin und suchte nach einigen nationalen Praktika die Möglichkeit der Erfahrung in einem globaleren Kontext.

Für das Welcommon Hostel entschied ich mich auch auf Grund meiner bisherigen Erfahrungen mit Geflüchteten. Bei einem Praktikum in einer Notunterkunft in Berlin im Rahmen meines Studiums kam ich im Jahr zuvor an die Grenzen meines professionellen Handelns. Die Soziale Arbeit ist eine Menschenrechtsprofession, und so stehen diese universellen Rechte an oberste Stelle der Handlungsorientierung und sollten unabhängig von Wirtschaft, Staat und Arbeitgeber das Leitbild der sozial arbeitenden Person sein.

Prozess der Innenhofgestaltung

In besagter Notunterkunft aber empfand ich die Situation auf mehreren Ebenen als menschenrechtswidrig. Als ich bei einer Veranstaltung von Respekt für Griechenland über den Ansatz des Welcommon Centers als partizipative Geflüchtetenunterkunft erfuhr, sehnte ich mich nach einer „positiven“ Erfahrung im Feld, auch in Bezug auf Netzwerkarbeit und solidarisches Handeln.

Während des Praktikums im Hostel Welcommon waren meine Aufgabenbereiche vielfältig. Ich begleitete und organisierte Ausflüge, die Jugendlichen und Kindern einen Überblick über die Stadt Athen geben sollten und sie an verschiedene Sehenswürdigkeiten und Kontexte heranführten (Museen, Umweltzentrum, Parks). Dies Verständnis der Leitung des Centers von Bildung regte zu unterschiedlichen Aktivitäten an und ermöglichte auch für mich ein Erkunden der Stadt.

Gleichzeitig versuchte ich mit anderen Freiwilligen möglichst flexibel auf die Wünsche der Kinder und Jugendlichen einzugehen. Bei der sehr großen Anzahl an jungen Menschen im Hostel konnten wir uns dem nur annähern, versuchten aber die unterschiedlichen Ressourcen der Freiwilligen einzusetzen. Wir nutzten  anliegende Parks für Freizeitaktivitäten wie Fußball oder aber auch einfach den gemeinsamen Aufenthalt im Freien.

Das Center liegt sehr zentral und durch die hohe Anzahl an Aktivist*innen nahebei gibt es lohnenswerte Angebote in der Nachbarschaft. So ermöglichte beispielsweise ein Kulturzentrum die Teilnahme einiger Jugendlicher an einem Fotoprojekt zweier Künstler*innen. Auch durch die Zusammenarbeit mit in Athen sesshaften Freiwilligen kann man eine Art Konstante anstreben, die für Jugendliche auf der Flucht von zentraler Bedeutung sind.

Für mich persönlich empfand ich die Zusammenarbeit mit dem „Social Service“ im Hostel Welcommon, bestehend aus Sozialarbeiter*innen und Psycholog*innen, am sinnvollsten. Diese haben einen Überblick über unterstützende Netzwerke (Asyl- Gesundheits- Psychosoziale Beratung), und so durfte ich verschiedene Institutionen kennenlernen und die Bewohner*innen auf den Wegen dorthin begleiten.

Gemeinsame Aktivitäten mit Projektcharakter können sehr sinnvoll sein für Gruppenprozesse, und so entschieden wir uns dazu, den kleinen Innenhof des ehemaligen Krankenhauses für Jugendliche nutzbar zu machen. Einige Kinder hatten Lust zu malen, andere äußerten den Wunsch nach gemeinsamem Kochen. Die finanziellen Ressourcen wurden vom Welcommon Center zur Verfügung gestellt und so begannen wir den Hof zu bemalen und zu gestalten. Außerdem sammelten wir Paletten und Kartons aus der Nachbarschaft, um keine neuen Ressourcen zu verbrauchen. Wir entschieden uns dazu ein Datum festzulegen, an welchem der Hof bei gemeinsamen Essen und Trinken eingeweiht werden sollte. Die Paletten wurden mit Schleifpapier und Farbe bearbeitet. Anschließend wurden kleine Gärten angelegt. Die Kinder waren aktiv beteiligt und gestalteten den Raum mit. Beim gemeinsamen Kochen hielten wir Freiwilligen uns im Hintergrund auf. Alle Abläufe wurden von den Jugendlichen angeleitet. Gemeinsam mit älteren Jugendlichen beaufsichtigten wir lediglich die Kleineren beim Gemüseschnibbeln. Die Aktivitäten, die von den Kindern selbst angeregt und gestaltet wurden, liefen am besten. Lediglich der Raum und der Rahmen wurden von den Freiwilligen gesetzt, beziehungsweise ermöglicht.

Für mich war die Erfahrung in Athen bereichernd und konfliktreich zugleich. Die Konfrontation mit der politischen Situation in Griechenland im Kontext der Eurofinanz- sowie Asylpolitik ermöglichten mir einen erweiterten Blick, eine erhöhte Sensibilität und eine kritische Grundhaltung gegenüber der medialen Berichterstattung und der Politik Deutschlands.

Die Stadt als solche habe ich genossen und war in meiner freien Zeit auf den nahegelegen Inseln oder Stränden. Auch die Kunst- und Kulturszene der Stadt empfand ich als sehr zugänglich und genoss die zahlreichen Kontakte, die während meines Aufenthalts entstanden und bis jetzt bestehen. Griechenland im allgemeinen ist landschaftlich atemberaubend schön und die Mischung aus Natur, urbanem Leben und antiker sowie moderner Kunst hat mich begeistert.

Marie in einer griechischen Landschaft

Konfliktreich ist der gesamte Sektor der Freiwilligenarbeit und jede zentrale Unterbringung geflüchteter Personen. Allerdings denke ich, dass konkretes solidarisches Handeln und gemeinsames Lernen und Erfahren sich positiv auch auf große Flüchtlingsunterkünfte auswirken kann. Gleichzeitig lohnt sich die Lektüre von bereits ausgearbeiteten Konzepten des Critical Monitorings, beziehungsweise von „Checklisten“ zu Mindeststandards in Unterbringungen für Geflüchtete sowie vom Positionspapier unterschiedlicher Beschäftigter im Feld.

Ich würde einen Aufenthalt in Athen im Rahmen von Model Hostel Welcommon total empfehlen und gleichzeitig anregen, sich während, vor und nach dem Aufenthalt ständig kritisch mit der eigenen Position auseinander zusetzen. Sei es mit Hilfe professioneller KritikerInnen oder/und durch Austausch mit den Bewohner*innen und Beschäftigten des Centers.

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